Aus dem Leben eines Texters

„Das ist zu teuer!“ Oder: Vom Elend der Content-Lieferanten

Früher nannte man sie „Texter“. Im Zeitalter des Internets sind sie zu Content-Lieferanten verkommen – mit entsprechend niedrigem Ansehen und schlechter Bezahlung.

Redaktion und Text: Aus dem Leben eines Texters

Aber warum? Weil sich so viele Ungelernte und Ungeübte in diesem Berufsstand tummeln?
Die Qualität der Texte im Netz legt diese Vermutung nahe.

Oder weil das Ergebnis der Dienstleistung weitaus offensichtlicher ist und weniger im Verborgenen bleibt als etwa die Erstellung einer Webseite? Vielleicht legen die Schreiberlinge nicht ausreichend deutlich dar, welcher Aufwand und welche Anstrengungen die Arbeit eines Texters in sich birgt? Von jedem etwas, denke ich.

Texten als hochkomplexer neuronaler Prozess

Umso ärgerlicher, ja sogar bedrohlich für die Existenz der eigenen Agentur, wenn die Leistung nicht ansatzweise die finanzielle Würdigung erfährt. Der Grafiker, der Programmierer, alle haben ihre Angebote abgegeben und der Texter, dessen Arbeit Buchstabe für Buchstabe einen komplexen neuronalen Prozess darstellt, hört die Aussage: „Das ist zu teuer!“

Die kreative Arbeit, die, ganz nebenbei erwähnt, zudem erst dann gelingt, wenn die „Muse küsst“, umfasst unzählige Schritte und Tätigkeiten, die Texter nur selten in ihren Angeboten korrekt aufführen.

Daher seien hier nur die wichtigsten Leistungen in vierzehn Schritten zusammengefasst:

Schritt 1: Beratung, Briefing, Inputgespräche
Gut zu verwertende Informationen von Seiten des Kunden sind eine Seltenheit. Bleibt nur, dem Auftraggeber in mühevoller Arbeit, Einzelheiten zu entlocken. Oftmals ist ein ausführlicher Fragebogen die letzte Rettung. Außer acht lassen sollte man allerdings auch nicht die umfassende Beratung, um sicherzustellen, dass der Kunde auch das erhält, was er benötigt. Schließlich sind Texte kein Selbstzweck, sondern dienen der Kommunikation mit diversen Zielgruppen.

Schritt 2: Recherche, Analyse. Materialsammlung, Materialsichtung
Ernüchtert von der inhaltlichen Tiefe des vom Kunden bereitgestellten Materials, bleibt nur eines: die umfassende Recherche – es lebe das Internet – oder gleich das Vertiefen in wissenschaftliche Arbeiten. Für meist nur einen Text wohlgemerkt! Studien kommen ja auch immer gut. Also, weitersuchen!
Dann wäre noch eine weitere Tätigkeit zu verrichten: die Konkurrenzanalyse. Was macht der Wettbewerb und was kann man besser machen? Schließlich ist man neu im Thema, möchte nicht immer in der alten Soße schwimmen und sich im positiven Sinn abgrenzen.
Ach ja, jetzt ist doch recht viel Input zusammengekommen. Dieser muss natürlich in seiner ganzen Fälle gesichtet, bewertet und priorisiert werden.

Schritt 3: Ideenfindung, Konzeption, Visualisierung
Jetzt braucht’s noch einen Aufhänger bzw. Einstieg. Von diesem hängt viel ab, ja eigentlich alles. Denn erst braucht es die zündende Idee, nach der sich das ganze inhaltliche und visuelle Konzept richtet. Und bis diverse Gedankenblitze im Kopf zu einem verwertbaren Konzept gereift sind, können schon mal ein paar Stunden, oder, im schlimmsten Fall, Tage ins Land gehen. Besser auch, man überlegt sich gleich Alternativen. Schließlich kommt es vor, dass ein Kunde so manchem Einfall nicht ebenso enthusiastisch folgt wie man selbst.

Schritt 4: Headlines, Subheadlines, Zwischenheadlines
Die nächste Herausforderung wartet: Wie schaffe ich es, die Kernaussagen in die Überschriften und Zwischenüberschriften zu packen? Und dies auch noch interessant oder sogar unterhaltsam? Schließlich sollen die Augen des Lesers an diesen haften bleiben. Sie sind der Einstieg in jeden Text. Wenn die Zeit allzu unerbittlich fortschreitet, verschiebt man das Ausbrüten der Headlines jedoch besser an das Ende der Textarbeit.

Schritt 5: Texten zum Ersten
Man hat gebastelt, jedes einzelne Wort gedreht und gewendet. Man weiß genau, warum dies da und jenes dort steht. Und man legt sein Kunstwerk erstmals dem Kunden vor. Auf die Präsentation eines Textentwurfs hat man bewusst verzichtet. In den seltensten Fällen wird ein Entwurf auch als solcher gesehen.

Schritt 6: Texten zum Zweiten
Es kommt, wie es kommen muss: Der Kunde hat so manche Intention nicht verstanden und macht Änderungsvorschläge. Nun heißt es, diese einzuarbeiten, ohne das Werk gleich zu ruinieren.

Schritt 7: Layout und Abbildungen
Ein Text entfaltet nur in einem adäquaten Rahmen die gewünschte Wirkung. Da gilt es, den Grafiker umfassend zu briefen. Oder gleich selbst Hand anzulegen.

Schritt 8: Bildunterschriften
Abbildungen sind oftmals erklärungsbedürftig. Und Bildunterschriften eine Herausforderung, nicht nur, weil wenig Platz zur Verfügung steht. Oftmals erfährt der Texter nicht, was oder welche Personen abgebildet sind. Da heißt es wieder, recherchieren. Und bloß nicht auf die Schreibweise der gelieferten Namen oder Funktionen verlassen. Das geht schief…fast immer!

Schritt 9: Zitate, Mottos, Redewendungen
Das Layout kommt noch etwas dröge daher. Warum nicht den Texter bitten, sich mal etwas „einfallen“ zu lassen. Die Arbeitsstunden zählt man inzwischen besser nicht mehr!

Schritt 10: Korrekturen zum Ersten
Das Werk steht soweit. Jetzt braucht man Ruhe und Muße zum mehrfachen überprüfen und Korrigieren. Schließlich ist der Fehlerteufel auch am Werk, wenn man selbst oder der Grafiker den Text in das Layout einfließen lässt. Das Gehirn liest allerdings inzwischen das, was es lesen will.

Schritt 11: Kundenprästentation zum Ersten
Man hat es geahnt: Der Kunde hat plötzlich noch ein paar Einfälle. Und es obliegt dem Texter, diese im bereits fertig gesetzten Werk unterzubringen. Die Zeichenzahl ist durch das Layout begrenzt? Na ja, ist ja das Problem des Texters!

Schritt 12: Kundenpräsentation zum Zweiten
Die paar Kleinigkeiten sind ja schnell eingearbeitet, nicht wahr?!

Schritt 13: Korrekturen zum Zweiten
Oh Gott, jetzt ist einem selbst in der Hektik ein Fehler passiert. Nur ein dummer Tippie, aber der Kunde hat’s gesehen und man überprüft den ganzen Text nochmal auf’s Neue.

Schritt 14: Das gro�e Finale
Das Werk ist fertiggestellt und man hofft inständig, nicht doch ein klitzekleines Detail übersehen zu haben. Die Hauptsache, der Kunde ist zufrieden. Und beim Schreiben der Rechnung denkt man besser nicht darüber nach, wie hoch der eigene Stundenlohn tatsächlich ist!